Die digitale Transformation im Gesundheitswesen ist längst mehr als die Einführung neuer Software. Sie verändert Arbeitsprozesse, Kommunikation, Dokumentation, Entscheidungsunterstützung, Versorgungskontinuität und die Zusammenarbeit zwischen Berufsgruppen. Damit rückt eine zentrale Frage stärker in den Vordergrund: Welche digitalen Kompetenzen benötigen Gesundheitsberufe, um digitale Werkzeuge sicher, sinnvoll und professionell einzusetzen?
Ein aktueller Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO), veröffentlicht am 14. Juni 2026, widmet sich genau dieser Frage. Die WHO analysiert darin bestehende Kompetenzrahmen und Standards für Digital Health und zeigt, wie digitale Kompetenzen in Ausbildung, Praxis und Organisationsentwicklung systematischer verankert werden können.
Für die Pflegeinformatik ist dieser Bericht besonders relevant. Pflegepersonen arbeiten an zentralen Schnittstellen der Versorgung: Sie dokumentieren, koordinieren, kommunizieren, bewerten Informationen, begleiten Patient:innen und nutzen digitale Systeme zunehmend in komplexen Versorgungsprozessen. Digitale Kompetenz bedeutet daher weit mehr als die Fähigkeit, ein bestimmtes IT-System zu bedienen.
Aus pflegeinformatischer Perspektive gehören dazu unter anderem:
- Verständnis für strukturierte und qualitätsgesicherte Dokumentation,
- Datenkompetenz und kritischer Umgang mit Gesundheitsinformationen,
- Wissen über Interoperabilität und digitale Versorgungsprozesse,
- sicherer Umgang mit Datenschutz, Informationssicherheit und ethischen Fragestellungen,
- reflektierte Nutzung von KI-gestützten Anwendungen und
- die Fähigkeit, digitale Werkzeuge mitzugestalten, zu evaluieren und in Arbeitsprozesse zu integrieren.
Der WHO-Bericht macht deutlich, dass Kompetenzrahmen Orientierung bieten können: für Curricula in Ausbildung und Studium, für Fort- und Weiterbildung, für Rollenprofile, für Personalentwicklung und für strategische Digitalisierungsprogramme in Gesundheitseinrichtungen. Damit wird digitale Kompetenz nicht als individuelle Zusatzqualifikation verstanden, sondern als Bestandteil professioneller Gesundheitsversorgung.
Gerade in der Pflege ist dieser Perspektivwechsel wichtig. Digitale Systeme beeinflussen, welche Informationen sichtbar sind, wie Arbeitsabläufe gestaltet werden, welche Daten für Qualitätssicherung und Forschung verfügbar sind und wie gut Versorgung über Sektorengrenzen hinweg koordiniert werden kann. Wenn pflegerische Anforderungen nicht frühzeitig in digitale Entwicklungen einfließen, entstehen Risiken: zusätzliche Dokumentationslast, Medienbrüche, unvollständige Daten, geringe Akzeptanz oder Systeme, die an der Versorgungspraxis vorbeigehen.
Kompetenzentwicklung ist daher auch eine Frage der Mitgestaltung. Pflegepersonen und Pflegeinformatiker:innen müssen befähigt werden, digitale Lösungen nicht nur anzuwenden, sondern deren Nutzen, Grenzen und Auswirkungen fachlich beurteilen zu können. Dazu braucht es passende Bildungsangebote, interprofessionelle Zusammenarbeit und eine klare Verankerung digitaler Kompetenzen in Organisationen.
Für Österreich ergibt sich daraus ein wichtiger Impuls: Die digitale Transformation des Gesundheitswesens kann nur dann nachhaltig gelingen, wenn digitale Kompetenzen systematisch aufgebaut und gepflegefachliche Perspektiven konsequent einbezogen werden. Pflegeinformatik kann hier eine Brückenfunktion übernehmen zwischen Pflegepraxis, Bildung, Management, IT, Wissenschaft und Gesundheitspolitik.
Fazit
Der WHO-Bericht unterstreicht: Digitale Gesundheitsversorgung braucht nicht nur technische Infrastruktur, sondern kompetente Menschen, die digitale Werkzeuge sicher, kritisch und versorgungsorientiert einsetzen. Für die Pflegeinformatik ist das eine zentrale Gestaltungsaufgabe der kommenden Jahre.
Quelle:
WHO: Competency frameworks and standards for digital health: a landscape analysis, veröffentlicht am 14. Juni 2026.
https://www.who.int/publications/i/item/9789240119765



